Schwarz oder weiß – immer so eindeutig?

Ein typisches Phänomen unserer schnelllebigen Zeit ist, dass auch über Sachverhalte und andere Menschen sehr schnell beurteilt werden. Es werden oft nur noch einzelne Aspekte betrachtet oder gar nur die Überschrift gelesen und auf das Gesamte geschlossen. Häufig auch mit einer sehr extremen Einschätzung. Für viele gibt es nur noch “gut” und “böse” oder “schwarz” und “weiß”. Die 64 Millionen Graustufen dazwischen werden völlig übersehen.
Abgesehen davon ist eine Einschätzung immer auch von der Perspektive und dem Standpunkt des Beurteilenden abhängt und sagt so ggf. mehr über diesen als über das Beurteilte aus. Zumal sich auch der Kontext im Zeitablauf komplett ändern kann.
Aber auch in früheren Zeiten waren die Menschen oft schnell mit ihrem Urteil, wie die folgende Geschichte aus dem alten China zeigt.

Der alte Mann und sein Pferd

In einem Dorf in China lebte ein alter Mann. Obwohl er sehr arm war, waren selbst Könige neidisch auf ihn. Denn er besaß ein wunderschönes weißes Pferd. Dafür boten sie ihm fantastische Summen, aber er verkauft es nicht.
Eines Morgens fand er sein Pferd nicht im Stall. Das ganze Dorf versammelte sich und die Leute sagten: “Du dummer alter Mann. Wir haben immer gewusst, dass das Pferd eines Tages gestohlen würde. Es wäre besser gewesen du hättest es verkauft. Welch ein Unglück!”
Der alte Mann aber sagte: “Geht nicht zu weit das zu sagen. Sagt einfach: das Pferd ist nicht im Stall. Soviel ist Tatsache, alles andere ist Urteil. Ob es ein Unglück ist oder ein Segen weiß ich nicht, weil ich nicht weiß, was daraus folgen wird.”

Die Leute lachten den Alten aus. Sie hatten schon immer gewusst, dass er ein bisschen verrückt war. Aber nach 15 Tagen kehrte das Pferd plötzlich zurück. Es war nicht gestohlen worden, sondern in die Wildnis ausgebrochen. Und nicht nur das, es brachte auch 12 wilde Pferde mit.
Wieder versammelten sich die Leute und sagten: “Alter Mann, du hattest recht. Es hat sich tatsächlich als Segen erwiesen.”
Der Alte entgegnete: “Wieder geht ihr zu weit. Sagt einfach, das Pferd ist zurück. Ihr lest nur ein einziges Wort in einem Satz. Wie könnt ihr das ganze Buch beurteilen?”

Der alte Mann hatte einen einzigen Sohn und der begann die wilden Pferde zu trainieren. Schon eine Woche später fiel er vom Pferd und brach sich die Beine.
Wieder versammelten sich die Leute, und wieder urteilten sie: “Alter Mann, du hattest recht. Es war ein Unglück. Dein einziger Sohn kann nun seine Beine nicht mehr gebrauchen. Und er war die Stütze deines Alters. Jetzt bist du ärmer als je zuvor.”
Der Alte antwortete: ” Ihr seid besessen vom Urteil. Geht nicht zu weit. Sagt nur, dass mein Sohn sich die Beine gebrochen hat. Niemand weiß, ob dies ein Unglück oder ein Segen ist. Denn das Leben kommt in Fragmenten und mehr bekommt ihr nie zu sehen.”

Es ergab sich, dass das Land nach ein paar Wochen einen Krieg begann. Alle jungen Männer des Ortes wurden zwangsweise zum Militär eingezogen. Nur der Sohn des alten Mannes blieb zurück, weil er verkrüppelt war. Der ganze Ort war vom Wehgeschrei erfüllt, weil dieser Krieg nicht zu gewinnen war. Alle wussten, dass die meisten jungen Männer nicht nach Hause zurückkehren würden. Sie kamen zu dem alten Mann und sagten: “Du hattest recht, alter Mann. Es hat sich als Segen erwiesen. Dein Sohn ist zwar verkrüppelt, aber immerhin ist er noch bei dir.”
Der alte Mann antwortete wieder: “Ihr hört nicht auf zu urteilen. Niemand weiß was kommt. Sagt nur, dass man eure Söhne in die Armee eingezogen hat und dass mein Sohn nicht eingezogen wurde. Doch nur Gott, der das Ganze kennt, weiß ob dies ein Unglück oder ein Segen ist – urteile nicht!”


 

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